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Der Fremde am Telefon - Teil 18

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Alt 14.05.2008   #1
Sandmalerin
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Der Fremde am Telefon - Teil 18

Kapitel 18 - Die letzte Chance


„Ich habe dir doch gesagt, du sollst nicht nach einer Wohnung suchen!“ Die Stimme des Fremden klang leise und verärgert. Karen warf einen Seitenblick auf die Zeitungsannoncen, die vor ihr lagen und versuchte das ungute Gefühl, dass sich in ihr festsetzte, zu ignorieren. Woher wusste er, dass sie seinen Befehl missachtet hatte? Beobachtete er sie etwa? Hoffentlich war sie mit der Missachtung nicht zu weit gegangen. Verzweifelt setzte sie an, versuchte zu erklären, aber er unterbrach sie aufgebracht. „Hör gefälligst auf mit deinem Gejammer. Ich habe dir gesagt, dass du dich in Gehorsam üben sollst.“ „Aber wie?“ „Sei still. Glaubst du wirklich, dass ich so etwas durchgehen lassen würde?“ „Nein,“ antwortete sie mit leiser, reumütiger Stimme. Dann war die Leitung tot. Geschockt registrierte Karen, dass er aufgelegt hatte. Aufgelegt, einfach aufgelegt. Sie wusste nicht einmal mehr, ob sie je wieder von ihm hören würde. Das Schlimmste daran war, dass er zu einem wichtigen Menschen in ihrem Leben geworden war. Er nahm mittlerweile mehr Raum ein, als jeder andere Mensch in ihrem Leben – und sie wusste nicht einmal mehr, wie es dazu kommen konnte. Der Anrufer war und blieb ein Fremder. Auch wenn sie ihm einmal begegnet war, konnte sie nicht behaupten, ihn zu kennen.
Wie lange Karen einfach so dagesessen und vor sich hingestarrt hatte, wusste sie nicht. „Kaaaren,“ hörte sie Hannas Stimme neben sich. Sie zuckte zusammen, orientierte sich kurz und blickte dann zu ihrer Freundin hoch. „Hab ich dich bei deiner Meditation gestört?“ „Ich meditiere nicht.“ „Was hast du denn dann gemacht?“ Karen wusste keine Antwort darauf, zumindestens keine, die ehrlich war und zugleich verhinderte, dass Hanna von dem Unbekannten erfuhr. Das Letzte, das sie nun noch gebrauchen konnte, war eine Moralpredigt. Ihr war auch so bewusst, dass es nicht sonderlich für ihre Reife sprechen konnte, dass sie einem Fremden so viel Macht über sich verliehen hatte. „Wo ist Felix?“ lenkte sie statt dessen ab. Hanna antwortete knapp, während sie sich bereits zum Gehen wandte. „Es ist übrigens was für dich reingeflattert. Die Post liegt auf dem Esstisch.“ Karen stutzte. Post? Für sie? Sie erinnerte sich nicht daran, jemandem davon erzählt zu haben, dass Hanna ihr für den Übergang Asyl gewährte. „Von wem ist sie?“ Hanna drehte sich an der Tür zu ihr um. „Woher soll ich das wissen? Siehst du hier irgendwo eine große helle Zauberkugel?“

Als sie den Brief öffnete, war sie verblüfft. Auch wenn sie sie lange nicht mehr gesehen hatte, erkannte sie die Handschrift sofort. >Wenn du diesen Brief bekommst, spielst du mit deiner letzten Chance. Sei morgen um 16 Uhr pünktlich bei der unten genannten Adresse oder unsere Wege trennen sich hier.<
Erleichtert drückte sie den Brief an sich und schwor sich, nie wieder die Befehle des Fremden zu missachten.
Am nächsten Tag, glücklicherweise einem sonnigen Samstag, schlief sie aus und frühstückte zusammen mit Hanna, die während sie in ihr Brötchen biss, die Tageszeitung durchblätterte. Zugegeben, nicht gerade die ideale Grundlage für eine Unterhaltung, aber Karen war in Gedanken so sehr bei dem Unbekannten, dass sie dankbar dafür war, sich nicht mit Hanna über Belanglosigkeiten austauschen zu müssen. Felix, der Kater, sprang zu ihr auf die Sitzbank und ruckzuck hatte er sie wieder vollgehaart. Seufzend ergab sich Karen ihrem Schicksal und aß weiter. „Wie oft sich die Deutschen selber befriedigen,“ las Hanna plötzlich vor und schüttelte dann den Kopf. „Das ist ja schon krank. Wusstest du, dass manche Männer bis zu fünf Mal am Tag masturbieren?“ Karen kaute immer noch an ihrem Brötchen und hatte Mühe, sich nicht zu verschlucken. Am Frühstückstisch mit einer ehemals guten Freundin übers Masturbieren zu sprechen, schien ihr etwas unangemessen.
So abgelenkt bekam sie erst viel zu spät mit, wie sich Felix über ihren Teller beugte und genüsslich die Schinkenwurst von ihrem Brot klaute. Überrascht starrte sie den Kater an. „Und wusstest du auch, dass eine ganze Menge Männer, die so etwas tun sogar verheiratet sind? Ich sags ja immer, den verheirateten Männern darf man nicht trauen,“ plapperte Hanna, während Karen immer noch dabei war zu begreifen, dass sie von dem Kater beklaut worden war. „Maaaaauuu.“ „Ja Felix, ich geb dir jetzt gleich was. Glaube er ist hungrig.“ Immer noch starrte Karen auf ihr Brot und dann zu Felix. „Ach Herrgott Karen, jetzt iss endlich, damit du groß und stark wirst.“ Noch bevor Karen reagieren konnte, hatte Hanna eine frische Scheibe Wurst auf das Brot gelegt. Dann stand sie auf, um den Kater zu versorgen. Karen beeilte sich, das von Felix behaarte Brot mit der frischen Schinkenwurst verschwinden zu lassen und stahl sich in ihr Zimmer. Hunger hatte sie nach dieser Nummer definitiv keinen mehr.
Die Zeit verlief viel zu langsam, aber endlich erbarmte sich die Uhr und zeigte viertel nach drei an. Gestylt war sie bereits und warf sich nur noch schnell die Jacke über. Ihr Magen knurrte mittlerweile lautstark und sie beschloss, sich unterwegs etwas zu Essen zu holen.

Als sie an der aufgeschriebenen Adresse ankam, zögerte sie kurz. An der Klingel hing kein Namensschild. Während sie die Klingel betätigte, hoffte sie sehr, auf IHN zu treffen. Vielleicht hatte er sich ja auch verschrieben und sie klingelte gerade bei sonst wem. Es half aber alles nichts. Umentscheiden konnte sie sich auch nicht mehr, weil genau in diesem Moment der Türöffner betätigt wurde. Karen stieß mit einem Ruck die Tür auf, ging durch das leere und kahle Treppenhaus und suchte die „Wohnung ohne Namen“. Im zweiten Stock wurde sie schließlich fündig. Gerade als sie die Klingel vor der Wohnungstür betätigenwollte, stellte sie fest, dass diese nur angelehnt war. Mit zögerlichen Schritten betrat Karen die Wohnung.




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