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Der Fremde am Telefon - Teil 17
Teil 17
Mitten in der Bewegung hielt Karen inne. Ihre Knie waren weich wie Butter. Erst nachdem das Telefon mehrere Male geläutet hatte, konnte sie sich aus ihrer ungläubigen Starre reißen und es schwungvoll von der Ladestation reißen. „Halllloooo?“ Noch bevor er etwas sagte, wusste sie bereits, dass ER es war. Erleichtert schloss sie kurz ihre Augen und versuchte sich bewusst zu machen, dass diese Situation nicht bloß ein schöner Traum, sondern real war. Sie hatte sich noch nie so sehr gefreut, seine Stimme zu hören wie heute. Normalerweise konnte sie ihre Gefühle, wenn sie es wollte, auch gut hinter dem Berg halten, aber diesmal gelang es ihr nicht. Viel zu groß war ihre Erleichterung. Die Worte sprudelten wild und ungeordnet aus ihr heraus. Karen erzählte von der Zeit, in der sie geglaubt hatte, er würde sie nicht mehr sprechen wollen, erzählte von der Trennung von Niklas, von dem Gespräch mit Hannah und dem Besuch in dem Restaurant. Er hörte zu und als sie schließlich erwartungsvoll schwieg, ergriff er das Wort. „Du brauchst eine richtige Erziehung. Und da du mich so respektlos mit deinem Wortschwall überfallen hast, wirst du das nächste Mal zehn Schläge bekommen. Merk dir das gut. Ich will, dass du mich daran erinnerst. Solltest du es nicht tun, werde ich fünf weitere Schläge dazu zählen. Hast du mich verstanden?“ Karen fühlte sich wie geohrfeigt. Wie war der denn drauf? Aber da sie sich immer noch freute, seine Stimme zu hören, zwang sie sich schließlich zu einem schnippigen: Ja. Sie war sich sicher, dass er den Unterton in ihrer Stimme bemerkt hatte, aber er schwieg dazu. Vielleicht, auch wenn er es sich nicht anmerken ließ, freute auch er sich über den Kontakt. Erst dann fiel ihr auf, dass er mit seiner Aussage hatte durchblicken lassen, dass er ein Wieder“sehen“ plante. In heller Freude spazierte sie aufgeregt mit dem Telefon durch das Wohnzimmer. „Du wirst dir erstmal keine Wohnung suchen. ICH und alleine ich, werde bestimmen, wo du von nun an wohnen wirst. Um dich weiterhin zu erreichen, brauche ich eine Telefonnummer, unter der ich Kontakt zu dir aufnehmen kann. Du wirst warten, bis ich mich melde.“ Karen dachte einen Moment darüber nach, ob sie ihm tatsächlich Hannas Nummer geben sollte, aber dann fiel ihr ein, dass die Freundin sicher nicht sehr glücklich darüber sein würde. Schließlich gab sie ihm ihre Handynummer. „Was soll ich denn tun, bis wir uns wieder sehen?“ Bei dem Gedanken daran, wieder so lange auf eine Antwort warten zu müssen, zog sich alles in ihr zusammen. „Lerne Gehorsam.“ Na super. Als ob das so einfach wäre. Gerade wollte sie ihn fragen, wie er sich dieses Lernen denn genau vorstellte, als sie ungläubig registrierte, dass er anscheinend einfach aufgelegt hatte. „Na so was,“ murmelte sie fassungslos vor sich hin. „Der hat tatsächlich einfach aufgelegt.“ Im ersten Moment ärgerte sie sich ein bisschen über ihn und fühlte sich verarscht. „Anscheinend ziehst du Männer an, die nicht gut für dich sind,“ seufzte sie.
Die Nacht war sehr unruhig. Karen wälzte sich von einer Seite auf die andere und träumte wirr. Sie sah die Silhouette eines Mannes vor sich und sie wagte es nicht, genauer hinzusehen. Er befahl ihr, sich zu bücken, und dann spürte sie, wie etwas ihren Po traf. Ohne sich umzudrehen, wusste sie, dass er ihr mit einem Lolli den Hintern verhaute. Gerade wollte sie sich wundern, als plötzlich eine Tür aufschwang und Niklas als Kellner verkleidet auf sie zukam und ihr ein Glas Mineralwasser vor die Füße kippte. „Du hast mich betroooogen,“ hörte sie es wie in Zeitlupe aus seinem Mund kommen. In diesem Moment wachte sie auf, weil der Wecker klingelte. Ein neuer Arbeitstag hatte begonnen und würde sie zwingen, ihre Gedanken auf das Wesentliche zu richten.
Während sie sich die Augen rieb, um den Schlaf daraus wegzuwischen, erhob sie sich aus dem Bett, streckte sich und gähnte. Schnell stellte sie fest, dass es jenseits der kuscheligen Bettdecke ziemlich kühl war. Die Kälte motivierte sie, schnell das Badezimmer aufzusuchen, unter die Dusche zu springen und sich dann für den Tag fertig zu machen.
Um Punkt achtzehn Uhr, immer noch K.O von der Arbeit, stand sie schließlich vor Hannas Tür und drückte die Klingel. Es dauerte ein paar Minuten, bis der Türsummer sich meldete und Karen die paar Stufen bis zu Hannas Haustür nahm. „Ich habe was gekocht. Du hast noch nichts gegessen, nehme ich an?“ Sie hörte den vertrauten leicht spöttischen Unterton in Hannas Stimme und schüttelte den Kopf. Bevor sie eintrat, zog sie sich ihre Schuhe aus. Hanna legte viel Wert darauf. „Wenn du schon einmal hier bist, kannst du auch gleich mal den Tisch decken,“ hörte sie sie aus der Küche sagen. Als ob es eine Rolle spielen würde, nickte Karen und machte sich an die Arbeit. „Die flachen Teller,“ hörte sie ihre Freundin aus der Küche rufen. Schließlich tauchte Hanna im Esszimmer auf und brachte das Besteck. „Ich hoffe, dass Felix keine Haare verloren hat. Weißt du, er ist kurz auf der Arbeitsfläche rum gerannt, als ich die Paprika geschnitten habe.“ Karen zählte eins und eins zusammen. Demnach müsste Felix der Kater sein. Bei dem Gedanken daran, Katzenhaare im Essen zu haben, verging ihr der Appetit. Hanna musterte sie schweigend, bevor sie schließlich losprustete. „Du hättest mal dein Gesicht sehen sollen.“ „Also war Felix nicht am Essen?“ „Gott bewahre. Da kann ich mir appetitlicheres vorstellen,“ lachte Hanna und Karen atmete erleichtert auf.
In den nächsten Tagen wartete sie auf einen Anruf und studierte gegen den Willen des Fremden die Wohnungsannoncen. Scheiß drauf, sie konnte nicht warten bis er sich meldete. Immerhin konnte sie nicht ewig bei Hanna bleiben und ehrlich gesagt wollte sie das auch gar nicht. Felix hatte ihr sämtliche Kleiderstücke mit seinen Haaren ruiniert, einmal wurde sie sogar unsanft von ihm geweckt, als er ihr spielerisch die Tatze ins Gesicht schlug und auch ansonsten war er ständig nur am maunzen. Schließlich, am sechsten Tag kam er der ersehnte Anruf.
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