sie war fest in ihren gedanken versunken, reiste weit in ihrer vergangenheit zurück. es war eine wundervolle zeit... damals. er war eigentlich rotzfrech, absolut unausstehlich. ging man wirklich so mit einer dame um? dennoch verfiel sie ihm, entwickelte eine eigene frechheit und ja, es gab momente, an denen war er einfach nur sprachlos. sie beeindruckte ihn, ganz ohne frage, sie war stolz und selbstbewußt und sie war eine bildschöne frau. sie hätte jeden haben können, aber irgendetwas an diesem "schlechten benehmen" fesselte sie. er schaffte es immer wieder, sie zum lachen zu bringen, er war frech, doch wenn sie es recht überlegte, war er nie boshaft, nie zudringlich und vor allem: er war nie verletzend. das fiel ihr an dem einen morgen auf, als er sie anrief und gleich mit einem dummen spruch begrüßte, der eigentlich eine ohrfeige verdient hätte. ihm eine zu scheuern, danach wäre ihr damals gewesen, doch bevor sie noch etwas sagen, bevor sie all ihre wut an ihm entladen konnte, hörte sie seine stimme in einem ganz anderen tonfall: "was ist los mit dir, süße?" ... sie konnte nicht viel sagen, war verwirrt, eigentlich auf aggression eingestellt. sie stammelte irgendetwas ohne zusammenhang ins telefon und legte auf. sie erinnerte sich nur daran, daß sie sagte, daß es ihr nicht gut ginge und er später anrufen solle. .... angerufen hatte er seit diesem augenblick nicht mehr, denn er stand nur 20 minuten später vor ihrer tür. eigentlich war sie am boden zerstört, doch sein anblick war goldig und sie mußte herzlich lachen. als er sie anrief, war er gerade im bad und rasierte sich. als er auflegte, lies er alles stehen und liegen und fuhr sofort zu ihr. der rasierschaum war jetzt etwas eingetrocknet und sein dreitagebart hatte nach zwei schnitten eine interessante neue form erhalten. er sah einfach hinreißend ulkig aus.
"so ein gesicht muß man knutschen", sagte sie und küßte ihn sanft. das sollte zwar nur ein spaß sein, aber er zog sie an sich und er kuß wurde wilder und so schloß sie ihn in ihre arme und erwiderte seine leidenschaft. ihr kummer war vergessen, als sie in ihr bett fielen. sie spürten beide, daß sie diesen augenblick schon seit tagen herbei wünschten und liebten sich als wären sie völlig ausgehungert gewesen. von diesem tag an, hatten sie gewissermaßen eine gemeinsame postadresse, mal blieb er bei ihr, mal sie bei ihm. es gab keine einsame nacht mehr. sie fühlten sich wie im siebten himmel. einer mußte nur einmal lächeln, da fiel der andere über ihn her und sie hörten die glocken läuten. doch es war nicht nur der wildeste und schönste sex, den sie je hatten. es waren nicht die verrückten dinge, die sie im bett und anderswo, wo es ihnen gerade in den sinn kam auslebten, es war tiefe liebe, endloses vertrauen und vor allem fühlten sie beide endlose geborgenheit.
sie erinnerte sich, daß er einmal zu ihr sagte: "das schönste an einer nacht mit dir ist der morgen danach, wenn ich aufwache und in deine klaren augen schauen kann."
zwei jahre später sah sie ihm immer noch mit einem strahlenden gesicht in seine augen. es war der augenblick, an dem sie nur ein leises "ja" aus ihrem mund hauchte und ein wundervolles weißes kleid trug. es war der tag, an dem sich zwei fanden, die einfach zusammen gehören mußten und es war der tag, an dem eigentlich drei zueinander fanden, doch wußten nur die zwei und vielleicht strahlten sie gerade deswegen so. sieben monate später war es dann soweit, doch dieser tag sollte eine erste bewährungsprobe für das junge glück werden. nie zuvor hatte er solche angst um seine frau und um das kind. die schweren stunden aber vergingen und das strahlen in den gesichtern kehrte zurück. doch nun waren sie eltern und hatten verantwortung. das lockere leben war vorbei und die zeit füreinander wurde immer weniger. arbeit und kinder bestimmten bald ihren alltag und dann der haushalt? ... es waren kleinigkeiten und wenn sie sich auch deswegen nicht streiteten, wirkten kleine fehler wie spitze pfeile beim anderen und drangen tief ins herz ein.
mit der geburt verlor sie ihre lust, sie konnte es nicht erklären, doch sie wollte keinen sex mehr. sie war sogar sehr glücklich ohne die wilden geschichten im bett und wo auch immer. eigentlich ging es ihr richtig gut und sie fühlte sich glücklich mit ihrer jungen familie. auch er machte einen glücklichen eindruck. seine kinder bedeuteten ihm viel und das konnte sie deutlich spüren. er drückte sich nicht um das windel wechseln und fläschchen geben und einmal, als ihre tochter wie wild schrie und unter den kommenden zähnen litt, da hielt er sie stundenlang fest. die kleine kaute unabläßlich auf seinem daumen, während er auf dem sofa einschlief. eine familie konnte einfach nicht glücklicher sein, da waren sich alle sicher.
die jahre gingen ins land und sie schien sich mit der situation abgefunden zu haben. sex war nicht mehr das wichtigste in ihrem leben. eigentlich meinte sie sogar, ganz darauf verzichten zu können, doch sie spürte, daß er anders dachte. sie fühlte in einem abstand von drei bis vier monaten, daß er kaum noch mit ihr sprach, tief in sich gekehrt war und sich oft vor dem fernseher oder dem computer verkroch. sie waren schon viele jahre mit einer eigenen kleinen firma selbständig und plötzlich bemerkete sie, daß er sich immer mehr arbeit auflud, mehr als ihm gut zu tun schien. erst war es ihr recht, daß er immer später zu bett ging, doch irgendwann begann sie, sich sorgen zu machen und sprach ihn darauf an. sie erinnert sich noch gut an die bitteren tränen, die ihr schon nach wenigen worten in bächen über die wangen rollten. was waren das für üble vorwürfe? wollte er ihr erklären, sie sei frigide? denkt der kerl denn nur an das eine und nur an sich?
immer wieder tat sie es, doch er spürte, daß sie ihm etwas vormachte. als er sie darauf ansprach, leugnete sie ihre gespielten orgasmen und war wieder tief gekränkt. ist es die pflicht einer ehefrau, sich derartige vorwürfe anzuhören? es geht doch auch ohne, was hat sich der kerl denn so? sie ist doch zärtlich zu ihm und über mangelnde nähe und zuneigung kann er sich doch eigentlich nicht beklagen. er verbrachte nun immer mehr nächte am computer und zog sich immer mehr zurück. oft dachte sie an das freche mundwerk, in das sie sich einst verliebte. es existierte nicht mehr. nur ganz selten hatte sie den eindruck, er ist wieder da, ihr schatz, so wie sie ihn kannte. ratlos sah sie, wie er langsam aber sicher immer ruhiger wurde. er hörte viel zu, sagte aber wenig. er dachte viel nach und war oft mit den gedanken in einer weiten welt nur nicht bei ihr. selbst die kinder bemerkten es: „papi, lach mal!“ ... er lächelte meist nur gequält.
dann fuhren sie in den urlaub ans meer. die kinder tobten ausgelassen in den wellen und waren abends schnell totmüde. die milde luft und ein guter wein ließen es zu, bis spät in die nacht auf der kleinen terrasse zu sitzen, die sie für sich allein in der kleinen ferienwohnung hatten. wieder versuchten sie ein gespräch und tatsächlich: er konnte verständnis zeigen für ihre sorgen. war es der urlaub, die gute luft oder der wein? plötzlich fühlte sie, daß es kein egoismus war, was ihn trieb. es waren tiefe sehnsüchte, die sie ihm nicht erfüllen konnte, doch sie liebte ihn einfach zu sehr, um ihn seiner verzweiflung auszuliefern. immer mehr wein machte ihn redseelig und er sagte mehr, als er eigentlich sagen wollte. doch genau das tat gut, denn so konnte sie ihn ein bisschen besser verstehen. sie konnte mit ihm fühlen und war sich sogar sicher, seinen schmerz zu fühlen.
sie machte in dieser nacht kein auge zu. zuerst verführte sie ihn. das tat sie öfter, wenn sie fühlte, wie schlecht es ihm ging, doch diesmal sollte er sich nicht nur „bedient“ fühlen. diesmal sollte er echte liebe erfahren, so wie früher. sie wußte, daß es ihr nicht gelang, doch diesmal wollte sie ihm nichts vormachen. „ich kann nicht abschalten, es ist so unendlich viel in mir, um mich fallen zu lassen. verzeih.“ ... dann beeindruckte sie wieder etwas in dieser nacht, denn er nahm sie einfach in den arm, ohne mehr zu versuchen, streichelte sie und hielt sie fest. irgendwie hörte sie: „wir schaffen das schon wieder. laß dir zeit.“ sie spürte, daß er es ernst meinte und fühlte sich wohl in seinem arm.
seit dieser nacht versuchte sie vieles und tatsächlich: aus drei bis vier monaten wurden zwei bis drei wochen. nicht das, was er sich vorstellte, aber immerhin, es passierte wieder etwas in ihrem liebesleben. sie hatte sogar den eindruck, daß er es schätzen würde und sich über ihre fortschritte freuen würde, bis sie verhängnisvolle fehler machte. es waren nur so dahin gesagte sätze, einfache worte, doch sie spürte, wie sehr sie ihn verletzt hatte. sie versuchte es zu überspielen, wieder gut zu machen und sogar, ihn zu verführen. das erste mal in ihrem leben blitzte sie ab. er war es, der sie zurück wies, der sie nicht wollte. bis zu diesem tag hätte sie nie gedacht, wie weh dies tun kann. hatte er das immer so empfunden? sie stellte sich nicht nur selbst diese frage, sondern auch ihm am nächsten tag. sein interesse an einem gespräch war mehr als gering, doch sie setzte sich durch. er hat sie nie angeschrien und auch jetzt tat er es nicht, doch sie spürte den zorn in ihm. er fühlte sich verraten und an der nase herum geführt und wie er ihr sagte, wie ein billiger hurenbock, den man nur verachten könne. er verachtete sich selbst, er schien sich sogar zu hassen. trotzdem gelang es ihr, mit ihm zu reden und ihn zu beruhigen. sie riß sich zusammen und verführte ihn auch an diesem abend wieder. sie wußte nicht, daß sie damit einen fehler machte, der ihm vollends sein vertrauen raubte, doch er konnte ihr nicht widerstehen. seine zweifel und sein begehren für die frau, die er so liebte, waren schwere gegner, doch sein verlangen siegte nur für den augenblick.
bei der familienfeier einige tage später schien die welt wieder in ordnung zu sein. man sah ihren mann lachen und scherze machen. eine verwandte von ihr und eine freundin standen am buffet und er gesellte sich dazu. sie erzählten witze und lachen. selbst ihre freundin, die sehr offene probleme mit deren mann hatte, war ausgelassen und erzählte einen männerwitz. alles lachte und amüsierte sich königlich. selbst er lachte laut. irgendwie wurde ihre freundin dann aber nachdenklich und sie begann, immer mehr nachzulegen. bissige bemerkungen über die männer und auch über ihren gerade nicht anwesenden mann zu machen. „wir müssen die kerle kurz halten, dann fressen sie uns aus der hand. die denken ja sowieso nur mit dem schwanz.“ er stand neben ihr und verdrehte die augen, doch ihre freundin legte immer mehr zu. „wie hast du denn deinen erzogen, daß der immer so lieb zu dir ist? darf er mal zu weihnachten? das sollte auch reichen, das muß er sich verdienen.“ er guckte etwas grimmig und machte nur gute mine zum bösen spiel. eigentlich war ihm klar, welche sorgen sie gerade hatte und so steckte er die seitenhiebe kalt lächelnd weg. schließlich meinte sie ihren eigenen mann und nicht ihn.
... es war einfach eine falsche reaktion von ihr. sie war nicht darauf vorbereitet und wollte einfach nur scherzhaft die situation retten als sie sagte: „aber nur wenn er auch brav den abwasch macht und nur zu weihnachten.“ alles lachte ausgelassen, doch das ging zu weit. er grinste etwas verkniffen, drehte sich um und ging. als ihn dann jemand ansprach und wohl irgendeinen scherz machte, rastete er aus und schrie ihn an. niemand hatte ihn bisher so erlebt. niemand hatte es ihm zugetraut, jemals so die beherrschung verlieren zu können.
seit diesem abend half kein reden mehr. er zog sich zurück, ging ihr sichtlich aus dem weg. nie sah sie ihn weinen, doch das rot in seinen augen entlarvte ihn. er saß bis hinein in die nächte am computer. es schien, als würde er arbeiten, doch sie wußte, er floh vor ihr. es gab kein herankommen mehr an ihn. er war nicht unfreundlich, ließ sich in den arm nehmen und küßte sie sogar, doch er ging nicht mehr ins bett zu ihr. es war die kälteste eiszeit ihres lebens. hatte sie ihn verloren?
am kommenden tag, begann friedlich und entspannt. sie nahmen sich vor, gemeinsam ein paar tage fort zu fahren und die kinder bei den großeltern zu lassen. sie wollten einmal nur für sich beide dasein und es schien, als hätte er wieder zutrauen zu ihr gewonnen. sie war es, die das ruder ergriff und die prospekte besorgte und sie machte ihm ganz offenbar eine große freude damit. es kam nur ein langes wochenende in frage, aber das sollte ihnen gehören. schnell fanden sie ein hotel und legten den reisetermin fest. ein schnell entschlossener kurzurlaub... ob er sie wieder zusammen führen würde? es sah ganz danach aus und er schien wie ausgewechselt und sich zu freuen. doch dann, ein paar tage später, kam dieser anruf. ihre freundin hatte sich von ihrem mann getrennt und wollte so schnell wie möglich aus der gemeinsamen wohnung heraus. der früheste umzugstermin war aber genau das wochenende, das die beiden für ihre reise aussuchten. ihrer freundin verdankte sie viel. sie war immer da, auch wenn es ihr schlecht ging. die reise war noch nicht gebucht und sie könnten sie doch verschieben. ja, es würde einige monate ausmachen, weil so vieles geplant und wichtig sei, doch er würde es verstehen. das ist ein notfall. wie sie sich doch täuschte: er reagierte entsetzt und enttäuscht: „verschieben? ein paar monate? wie immer! nicht wahr? immer verschieben wir uns! immer ist alles andere wichtiger als wir! und dann noch diese emanze, die dir einredet, sex sei schädlich und überflüssig, die meint, männer müssen an die leine!“ ... sie kam nicht dazu, ihm zu antworten. nie zuvor hatte er sie angeschrien. es war das erste mal in den ganzen jahren, doch nun krachte es und das bildlich. er warf die tür derartig fest ins schloß, daß ein glas im schrank daneben umfiel und zerbrach. er setzte sich ins auto und fuhr mit quietschenden reifen davon. ....
eine stimme erweckte sie aus ihren gedanken: „es tut mir so leid! sie und ihr mann, sie paßten immer so gut zueinander, sie strahlten immer eine solch große harmonie aus. wie konnte er nur so unachtsam überholen. dieser lkw war doch nicht zu übersehen. mein kind, das haben sie nicht verdient.“ sie spürte einen sanften händedruck und fühlte plötzlich wieder den bach der tränen. es waren noch viele solcher worte und händedrücke, die folgten. dann erschien es ihr wie eine kleine ewigkeit bis sich die rose aus ihrer hand löste und auf das holz in der grube fiel. es war keine lange rose, nur ein kleines moosröschen, genau so eine, wie er ihr am ersten tag, nachdem sie einst zusammen kamen, geschenkt hatte. „die langen backara sind zwar wunderschön, doch diese kleinen blüten sind irgendwie erhlich. sie sind nicht auf schönheit gezüchtet und passen einfach zu dir“, waren seine worte. diese rosen lagen nun dutzende dort unten ... bei ihm.
„komm mama!“, sagte eine schluchzende stimme. ihre tochter zog an ihrem schwarzen kleid. „komm!“ sagte sie und sah ihren sohn an, doch der setzte sich an das offene grab und starrte hinein. „geht schon vor! ich hab doch noch soviel mit papa zu erzählen.“ sagte er leise und wurde dann wütend, als man ihn noch einmal aufforderte mit zu kommen. „ich komme nach!“ klang es energisch.
sie ging und nach einigen metern drehte sie sich um und sah ihren weinenden jungen. „wenn er das geahnt hätte, dann wäre das nie passiert!“, schoß es ihr durch den kopf. „wenn wir offener gewesen wären, wäre es nie passiert.“ ..